GESCHICHTEN AUS DER PRAXIS

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WAS MMW-LESER ERLEBEN Ärztliche Erfahrung beschränkt sich nicht auf medizinisches Fachwissen. Sie entsteht auch aus den mehr oder minder alltäglichen, heiter, ärgerlich oder nachdenklich stimmenden Erlebnissen mit Patienten, Kollegen und Mitarbeitern. Senden Sie uns Ihre Geschichte an: [email protected] Für jeden veröffentlichten Text erhalten Sie bis zu 100 Euro. Folge 135

Die Grenzen zum Veterinärwesen sind fließend

© L. Hess



Auch dieser Tapir wurde mit hausärztlicher Hilfe geheilt. Die Streicheleinheiten gab es im Paket dazu.

„Bin ich denn der Tierarzt?“, fuhr es mir durch den Kopf, als ich einen Blick in meine Wartezimmerliste warf: Da saßen offenbar ein Herr Wolf, eine Frau Vogel und sogar eine Gwinifer Ganter einträchtig beisammen. Und justament als ich aufblickte, kam auch noch ein gewisser Eberhard die Treppe hinunter. Der Name rutscht ja in der Hitliste der beliebtesten Namen immer weiter ab; aber wir haben noch einen. Die Wartenden stellten sich dann am Ende doch alle als schnöde Vertreter der Gattung Homo sapiens heraus. Aber manche Patienten sehen in uns ja trotzdem den verhinderten Veterinär. Die schießen dann gern mal Fragen zum Haustier ab. Da soll ich dann die Katze mit Bindehautentzündung oder die hinkende Brieftaube begutachten. Mein persönlicher Höhepunkt war die Ratte, die ein Punker in seinem Ärmel versteckt hatte. Mit Geschrei schlug ich sie (beide) in die Flucht.

Jedenfalls verkündete mir nach der tierischen Sprechstunde doch tatsächlich mein Sohn, der als Hausarzt in meiner Praxis arbeitet, er sei ins Vivarium eingeladen worden, also in Darmstadts kleinen Stadtzoo, der immerhin 1.500 Viechern aus 170 Arten ein Zuhause ist. Ich wagte kaum zu fragen, ob auch er sich jetzt tierärztlich umtue – doch es stellte sich heraus, dass genau das der Fall war. Auch er hatte die Gefilde der Humanmedizin verlassen und einen ärztlichen Rat bei der Erkrankung des Tapirs gegeben. Und das offenbar mit Erfolg! Abends sah ich Fotos aus dem Tapirgehege: Die Freundin meines Sohnes striegelte das Tapirtier, dass offenbar genesen war, denn für meine Augen lächelt es recht genüsslich und zufrieden. Vielleicht werden wir unser Praxisspektrum ja doch noch auf andere Spezies ausweiten. Dr. med. Luise Hess, Darmstadt ■

Der Herzschrittmacher piepst treu an jedem Tag



Bei einem meiner Patienten wurde der Herzschrittmacher/Defibrillator (ICD) wegen Batterieerschöpfung ausgetauscht. Die Operation verlief gut, doch machte die Ehefrau des Patienten beim letzten Hausbesuch eine Bemerkung, die mich aufhorchen ließ. Der Schrittmacher, so erzählte sie, gebe ja sehr interessante Geräusche von sich. Immer zur gleichen Tageszeit würde er zuverlässig piepsen! Sie hätten sich mit ihrem Ta-

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gesablauf schon gut daran gewöhnt, das Gerät sei praktisch wie ein Wecker und störe nicht weiter. Ich war ob dieser Geschichte natürlich etwas in Sorge, denn der ICD sollte ja nun eigentlich rund laufen. So hakte ich nach und ließ mir die Vorkommnisse nochmals genauer erklären. „Ja nun, er liegt dann so auf dem Tisch, und plötzlich geht es los“, beschrieb die Frau. Meine Sorgenfalten wur-

den jetzt noch größer, und es mischte sich Verwunderung bei – denn von einem herausnehmbaren Modell hatte ich bisher noch nicht gehört. Es war der Patient selbst, der die Verwirrung auflöste. Er merkte an, dass es sich bei dem piepsenden Gerät ja um den alten, ausgetauschten ICD handelte. Dieser hatte ein Plätzchen auf dem Schreibtisch gefunden. Dr. med. Reinhard Sattler, Heiningen ■

MMW-Fortschr. Med. 2015; 157 (5)

[The limits of veterinary medicine are fluid].

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