Editorial

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Fortschritte der Neurologie · Psychiatrie

H. Reichmann

Prof. Dr. med. H. Reichmann

Bibliografie DOI http://dx.doi.org/10.1055/ s-0034-1385159 Fortschr Neurol Psychiatr 2014; 82: 555–556 © Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York · ISSN 0720-4299 Korrespondenzadresse Prof. Dr. med. Heinz Reichmann Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden an der Technischen Universität Dresden Fetscherstr. 74 01307 Dresden [email protected] tu-dresden.de

Liebe Leserinnen, liebe Leser der Fortschritte der Neurologie und Psychiatrie, als man mich vor einigen Monaten bat, Mitglied in dem Herausgeberrat der Fortschritte der Neurologie und Psychiatrie zu werden, nahm ich mir das zum Anlass, über den Titel dieser Zeitschrift etwas ausführlicher nachzudenken. Wir wissen alle, dass Fortschritte gerade in unseren Fachgebieten dringlich notwendig und erwünscht sind. Dies soll nicht bedeuten, dass hier die bisherigen faszinierenden Fortschritte und die Einblicke in die Funktion und Malfunktion des menschlichen Gehirnes nicht ausreichend gewürdigt werden. Gerade wir Neurologen sind stolz auf die Transformation eines Faches, das deskriptiv beschreibend seltene Krankheitsbildern mit kaum aussprechbaren Diagnosen verknüpfen konnte und dann aber bei der Therapie doch häufig passen musste. Dies galt bis vor Jahren selbst bei Volkskrankheiten wie Schlaganfall, wo meist aktives Abwarten und kleinere Einflussnahmen bezüglich Temperaturregulation, Blutzucker-, Blutdruck- und Cholesterineinstellung alles war, was wir den Patienten neben der wichtigen Physiotherapie, Ergotherapie und Logopädie anbieten konnten. Den Psychiatern wird nachgesagt, dass depressive Erkrankungen viel zu lange nur durch „Gesprächstherapie“ behandelt wurden. Auch hier gibt es in den letzten zwei Dekaden, zumindest für mich, überzeugende Fortschritte in der medikamentösen Therapie dieser weiteren Volkserkrankung. Diese Fortschritte wurden erst dadurch möglich gemacht, dass wir neue Methoden entwickelt haben, die die Funktion des menschlichen Gehirnes aufdecken und uns erstmals die Möglichkeit gegeben haben, am lebenden Organismus wertvolle Einblicke in die Gehirnfunktion und deren Störungen zu gewinnen. Besonders große Fortschritte sind in der Neurologie und Psychiatrie sicherlich im Verstehen der Krankheitsbilder der uns anvertrauten Patienten gelungen. Dies beginnt mit den bakteriell induzierten Erkrankungen und führt hin bis zu den Prionerkrankungen einerseits und andererseits in die immer vielfältigeren genetisch determinierten Erkrankungstheorien. Glaubte man früher, dass jeder alte Mensch Parkinson oder Alzheimer entwickeln wird, wissen wir heute, dass es eine Vielzahl von genetisch determinierten Ursachen und Umwelteinflüsse für diese beiden neurodegenerativen Erkrankungen gibt. Spannend sind die Theorien für die Erkrankungen wie das Parkinsonsyndrom, wo z. B. durch Arbeiten von Braak und Kollegen ein Fortschreiten der Erkrankung von Zelle zu Zelle angenommen und dann von Grundlagenwissenschaftlern bestätigt werden

konnte. Aus meiner Sicht wäre somit z. B. bei der Therapie des idiopathischen Parkinsonsyndroms ein wirklicher Fortschritt der, diese Zell- zu Zellinteraktion mit Alpha-synuclein Akkumulation zu unterbinden. Ähnliches könnte man sich für die Alzheimererkrankung erhoffen. Auf dem Feld der Genetik gibt es gerade im Fach der Neurologie, aber auch der Psychiatrie eine ganze Phalanx an Erkrankungen, die ohne ein Grundverständnis genetischer Vorgänge unsererseits gar nicht mehr verstanden werden könnte. Neurologen und Psychiater müssen somit eine profunde Kenntnis der Humangenetik und der genetischen Grundlagen aufweisen. Weitere Fortschritte konnten wir innerhalb der vergangenen Jahre in der Diagnostik dieser Erkrankungen deswegen erzielen, weil durch die modernsten Verfahren der Bildgebung mit MRT- und PET-Technik sowie funktionellem MRT ganz neue Erkenntnisse bezüglich der Hirnfunktion gewonnen werden konnten. Wie oben gesagt, sind genetische Analysen, die zunehmend schneller und breiter verfügbar werden, ebenfalls ein Grund, dass in Neurologie und Psychiatrie faszinierende Fortschritte der Diagnostik möglich wurden. Dies wird ergänzt durch molekularbiologische und biochemische Analysen im Liquor sowie in Biopsien vom Gehirn, Nerv und Muskel der von uns betreuten neurologisch und psychiatrisch erkrankten Patienten. Erst diese Methoden haben, nach Dekaden der neurophysiologischen Analyse, uns ganz neue Möglichkeiten der Diagnostik unserer Patienten eröffnet. Weitere Fortschritte sind selbstverständlich im Bereich der Therapie zu nennen. Dies beginnt, mit neuen Medikamenten und deren zugrunde liegender Funktion, seien es Triptane bei den Kopfschmerzen oder immer weitere Antikonvulsiva, Dopaminersatztherapien oder Antidepressiva und Neuroleptika mit unterschiedlichem Wirkmechanismus. Diese Medikamente sind nur ein kleines Beispiel für die faszinierende Verbesserung im Bereich von Fächern, die früher den Nimbus der Nichttherapierbarkeit aufwiesen. Die Lysetherapie bei Hirnschlägen eröffnet erstmals bei einer Volkserkrankung ungeahnte Optionen, um schwerste neurologische Defizite verhindern zu können. Selbst der Einsatz von Stammzelltherapie kann bereits heute diskutiert werden, da von Seiten der Grundlagenwissenschaft, aber auch im Tiermodell hier zum Teil sehr ermutigende Ergebnisse vorliegen. Trotz dessen muss man sicherlich auch auf diesem Gebiet „Wasser in den Wein gießen“, da z. B. die Parkinsonerkrankung sich aus meiner Sicht in keiner Weise für die Stammzelltherapie eignet, weil selbst eine erfolgreiche Applikation von dopaminergen Nervenzel-

Reichmann H. Fortschritte der Neurologie … Fortschr Neurol Psychiatr 2014; 82: 555–556

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Pushing Back Frontiers in Neurology

Editorial

len in die Substantia nigra ein Fortschreiten der Erkrankung nicht aufhalten würde, wie man dies aus Patientengehirnen weiß, die eine Transplantation embryonaler dopaminerger Vorläuferzellen erfahren haben und wo man neuropathologisch feststellen musste, dass auch in diesem Gewebe sich z. B. Lewy-Körperchen abgesiedelt hatten. Die Interaktion mit unseren neurochirurgischen Kollegen eröffnet den Neurologen und Psychiatern ungeahnte neue Möglichkeiten. Gerade die tiefe Hirnstimulation verbindet beide Fachgebiete, da es neben der Parkinson- und Dystonieerkrankungen modern geworden ist, zu prüfen, ob auch Patienten mit einer Depression oder einer Zwangserkrankung von der tiefen Hirnstimulation profitieren könnten. Auf dem Gebiet der Neurologie wird sich eventuell für die Epilepsiepatienten hier ein neues therapeutisches Fenster eröffnen. Gerade letztere haben im letzten Jahrzehnt zum Teil durch die Epilepsiechirurgie, sei sie minimalinvasiv oder läsionell, ebenfalls ungeahnte therapeutische Fortschritte erfahren. All diese Überlegungen führten mich dazu, gerne die Herausgeberschaft mit ausgewiesenen Kollegen in einer Zeitschrift zu tei-

len, die sich den Fortschritten in der Neurologie und Psychiatrie verschrieben hat. Fortschritte möchte auch der GBA (Gemeinsame Bundesausschuss) sehen, wenn er neue Medikamente einpreist. Hier muss allerdings warnend erklärt werden, dass nicht jeder Fortschritt, insbesondere z. B. des Nebenwirkungsprofil, sich in allen klinischen Studien so überzeugend demonstrieren lässt, dass er einer rein statistischen Überprüfung standhalten könnte. Wir müssen als Neurologen und Psychiater aus meiner Sicht auch dringend einfordern, dass unsere therapeutischen Fortschritte ebenso anerkannt und finanziert werden, wie es dies, aus meiner Sicht zumindest, im onkologischen Fachgebiet meistens ohne große Probleme möglich ist. Gerade auch alte Menschen haben aus meiner Sicht das Recht, von der Gesellschaft weiter, auch durch hochpreisige Medikamente, eine gute Lebensqualität zu erfahren. Auch solche Überlegungen wären aus meiner Sicht ein Fortschritt.

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