Klinische Studie

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Einflussfaktoren auf die Messung der Lipidschichtdicke des Tränenfilms mittels Interferometrie

Autoren

D. Finis, N. Pischel, M. Borrelli, S. Schrader, G. Geerling

Institut

Augenklinik, Heinrich-Heine-Universität, Düsseldorf

Schlüsselwörter " Meibom‑Drüsen‑Dysfunkl tion " Interferometrie l " Tränenfilm l

Zusammenfassung

Abstract

!

!

Einleitung: Die quantitative Messung der Dicke der Lipidschicht des Tränenfilms ist eine neue und vielversprechende Methode zur Diagnostik von qualitativem Tränenmangel. Allerdings gibt es bislang keine Untersuchungen zu Schwankungen im Tagesverlauf und dem Einfluss anderer Faktoren auf die Messung der Lipidschichtdicke. Material und Methoden: Es wurden jeweils 10 Probanden ohne bekanntes Sicca-Syndrom zu 3 verschiedenen Tageszeiten, an 3 verschiedenen Tagen sowie vor und nach therapeutischer Expression der Meibom-Drüsen mit dem Lipiview®Interferometer untersucht. Als Vergleichsparameter dienten die Tränenfilmaufrisszeit, die diagnostische Expression, die Tränenmeniskushöhe sowie die subjektiven Symptome gemessen mit dem OSDI-(Ocular Surface Disease Index-)Fragebogen. Ergebnisse: Es zeigte sich eine geringere Schwankungsbreite der Lipidschichtdickenmessung im Tagesverlauf sowie von Tag zu Tag verglichen mit der Tränenfilmaufrisszeit. Eine Expression der Meibom-Drüsen erhöhte die Dicke der Lipidschicht des Tränenfilms signifikant. Zusätzlich bestand eine Korrelation zwischen den Ausgangswerten der Tränenfilmaufrisszeit und der Lipidschichtdicke. Diskussion: Die Untersuchungen zeigen, dass die Lipidschichtdicke gemessen mit dem Lipiview®Interferometer ein im Zeitverlauf relativ konstanter Parameter zu sein scheint. Außerdem konnte die Expression der Meibom-Drüsen als möglicher Einflussfaktor identifiziert werden. Die hier durchgeführten Untersuchungen wurden an Probanden ohne bekanntes Sicca-Syndrom durchgeführt. Zukünftige Studien sollten untersuchen, ob sich diese Ergebnisse an Patienten mit trockenem Auge bestätigen lassen.

Introduction: The quantitative measurement of the tear film lipid layer thickness is a relatively new and promising method. However, so far it has not been investigated whether there is a diurnal or a day to day variability and whether certain factors are confounding the measurement of the lipid layer thickness. Materials and Methods: In three different experimental settings, 10 subjects without known sicca syndrome were examined at three different time points on one day, on three different days and before and after therapeutic expression of the Meibomian glands. As a comparison, the parameters tear film break-up time, tear meniscus height, diagnostic expression of the Meibomian glands and subjective symptoms, determined using the OSDI (ocular surface disease index) questionnaire, were measured. Results: The results of the study showed a smaller variation of the lipid layer thickness measurements during the day and from day to day compared to the tear film break-up time. The expression of the Meibomian glands significantly increased the lipid layer thickness. There was a correlation between the baseline values of tear film break-up time and the lipid layer thickness. Discussion: Our data showed that the lipid layer thickness as measured with the Lipiview® interferometer appears to be a relatively constant parameter over time. In addition, the expression of the Meibomian glands could be identified as a potential confounding factor. In this study we included only healthy subjects without known sicca syndrome. For the future our findings need to be validated in dry eye patients.

Key words " Meibomian gland l dysfunction " interferometry l " tear film l

eingereicht 23. 4. 2014 akzeptiert 7. 5. 2014 Bibliografie DOI http://dx.doi.org/ 10.1055/s-0034-1368536 Klin Monatsbl Augenheilkd 2014; 231: 603–610 © Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York · ISSN 0023-2165 Korrespondenzadresse Dr. David Finis Heinrich-Heine-Universität Augenklinik Moorenstr. 5 40225 Düsseldorf [email protected] med.uni-duesseldorf.de

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Factors Influencing the Measurement of Tear Film Lipid Layer Thickness with Interferometry

Klinische Studie

Einleitung !

Das trockene Auge oder auch Sicca-Syndrom kann im Wesentlichen in 2 Formen eingeteilt werden: Einen Flüssigkeitsmangel und einen evaporativen Tränenmangel, wobei es sich im überwiegenden Teil der Fälle um einen evaporativen Tränenmangel handelt. Die Hauptursache für einen evaporativen Tränenmangel wiederum ist die sogenannte Meibom-Drüsen-Dysfunktion (MDD). Aufgrund verschiedener epidemiologischer Studien geht man davon aus, dass in kaukasischen Bevölkerungsgruppen bei bis zu 20% eine MDD nachweisbar ist [1–3]. Pathophysiologisch liegt der MDD eine Obstruktion der MeibomDrüsen zugrunde. Diese ist zum einen durch eine verstärkte Keratinisierung des Epithels der Ausführungsgänge der MeibomDrüsen und zum anderen durch eine veränderte Zusammensetzung der Lipide des Meibom-Drüsen-Sekrets (Meibum) mit dadurch erhöhter Viskosität bedingt. Außerdem scheint eine vermehrte kommensale Flora der Lidkante über freigesetzte Lipasen und Esterasen ebenfalls die Zusammensetzung der Lipide zu beeinflussen und so die Obstruktion der Drüsen zu fördern [3–8]. Aufgrund der Verstopfung der Meibom-Drüsen fehlt das physiologisch abgegebene lipidhaltige Sekret, und die äußere Lipidschicht des Tränenfilms verdünnt sich. Von daher erscheint die Messung der Lipidschichtdicke zur Diagnose einer MDD als logisches Prinzip. In der klinischen Routine wird die Lipidschichtdicke bislang allerdings in der Regel nur indirekt durch Bestimmung der Tränenfilmaufrisszeit erfasst [9]. Zur direkten Messung der Lipidschichtdicke eignet sich die Interferometrie. Immer wenn eine wässrige Phase mit einer darüber liegenden dünnen Lipidschicht beleuchtet wird, entstehen bestimmte Farbmuster. Diese Farbmuster lassen dabei Rückschlüsse auf die Dicke der Lipidschicht zu. Entsprechend ist es möglich, die Interferenz der Lipidschicht des Tränenfilms darzustellen und zu analysieren. Bislang existierten hierzu allerdings nur semiquantitative Methoden [10]. Mit dem Lipiview® Interferometer wurde nun erstmals ein Verfahren entwickelt, mit dem die Lipidschichtdicke quantitativ und automatisiert bestimmt werden kann. Die Angabe der Werte erfolgt dabei in „Interferometric Color Units“ (ICUs), wobei eine ICU ungefähr einem nm Lipidschichtdicke entspricht [11]. Bislang konnte gezeigt werden, dass eine Korrelation zwischen den subjektiven Symptomen [12] sowie zwischen der Zahl an exprimierbaren Drüsen des Unterlids [11] und der Lipidschichtdicke gemessen mit dem Lipiview® Interferometer besteht. Welche Faktoren die Messung mit dem Lipiview® Interferometer beeinflussen und wie reproduzierbar die gemessenen Werte sind, wurde allerdings bisher nicht untersucht. In der vorliegenden Arbeit wurde daher die Reproduzierbarkeit der gemessenen Werte im Tagesverlauf und an unterschiedlichen Tagen analysiert sowie der Einfluss einer Lidmassage auf die Lipidschichtdickenmessung untersucht.

Material und Methoden !

Die Quantifizierung der Lipidschichtdicke des Tränenfilms erfolgte mit dem Lipiview® Interferometer (TearScience Inc., Morrisville, North Carolina, USA). Dieses Verfahren wurde erstmals von Blackie et al. beschrieben [6]. Der Patient blickt bei der Untersuchung in eine Kamera, die ein 20-sekündiges Video der Interferenzmuster des Tränenfilms aufzeichnet. Diese Muster werden dann automatisch analysiert und ein Wert in interferometri-

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schen Farbeinheiten (interferometric color units – ICUs) generiert. Die subjektiven Symptome des Sicca-Syndroms wurden mittels des „Ocular-Surface-Disease-Index“ (OSDI) erfasst. Dieser Fragebogen hat dabei eine Spannbreite von 0 (keine Symptome) bis 100 (schwerste Symptome). Die Bestimmung der Tränenfilmaufrisszeit erfolgte automatisiert und nicht invasiv mittels Keratograph 5M® (Oculus, Wetzlar, Deutschland). Es wurde stets die Zeit des 1. Aufrisspunktes gewertet. Die Tränenmeniskushöhe wurde halbautomatisch ebenfalls mit dem Keratograph 5M® (Oculus, Wetzlar, Deutschland) bestimmt. Die Zahl der exprimierbaren Meibom-Drüsen wurde mit dem Meibomian-Gland-Evaluator® (TearScience Inc., Morrisville, North Carolina, USA) quantifiziert. Mit diesem handgehaltenen Gerät wurde ein definierter Druck auf das laterale, mittlere und nasale Drittel des unteren Augenlids ausgeübt und die Anzahl der exprimierbaren Drüsen gezählt. Diese Methode wurde zuerst von Korb und Blackie beschrieben [5]. Um die tageszeitlichen Schwankungen der Lipidschichtdicke zu analysieren, wurde bei 10 Probanden (20 Augen) eine Messung der Lipidschichtdicke über einen Tag an 3 verschiedenen Zeitpunkten (8:00 h, 12:30 h, 17:00 h) durchgeführt. Es wurde dabei eine zeitliche Abweichung von maximal einer halben Stunde toleriert. Zu jedem Zeitpunkt führten wir parallel dazu eine Messung der nicht invasiven Tränenfilmaufrisszeit (BUT) durch. Zur Analyse der Schwankungen der Lipidschichtdicke von Tag zu Tag wurden weitere 10 Probanden (20 Augen) im Verlauf über 1 Monat an 3 Zeitpunkten (0 Wochen, 2 Wochen, 4 Wochen) untersucht und die Lipidschichtdicke sowie die BUT erfasst. Außerdem wurden zum Vergleich der Streuungen der Messwerte die subjektiven Symptome (OSDI) sowie die Anzahl der exprimierbaren Drüsen und die Höhe des Tränenmeniskus zu den unterschiedlichen Zeitpunkten erfasst. Um den Einfluss einer Expression der Meibom-Drüsen auf die Lipidschichtdicke zu ermitteln, wurde eine Messung der Lipidschichtdicke bei 10 Probanden vor und 15 Minuten nach einer Expression der Meibom-Drüsen durchgeführt. Diese Expression erfolgte standardisiert mit einem Wattestäbchen unter Kontrolle mittels Spaltlampe. Es wurden an beiden Augen sowohl das Ober- als auch das Unterlid über die gesamte Fläche in Richtung Lidkante massiert. Die Expression wurde immer vom selben Untersucher durchgeführt. Als Einschlusskriterien für alle Probanden wurden ein Alter von mindestens 18 Jahren sowie ein freiwilliges Einverständnis zur Teilnahme vorausgesetzt. Als Ausschlusskriterien dienten eine bekannte Applikation von jeglichen Präparaten in Form von Augentropfen (inklusive Tränenersatzmitteln), das Tragen von Kontaktlinsen sowie durchgeführte intra- oder extraokulare Eingriffe jeglicher Art. Die statistische Auswertung erfolgte mittels Microsoft Excel 2010 sowie GraphPad Prism Version 6. Es wurde bei normalverteilten Werten der lineare Korrelationskoeffizient nach Pearson angegeben. Bei nicht normalverteilten Werten wurde der lineare Korrelationskoeffizient nach Spearman angegeben. Zum Vergleich der Messwerte zu den verschiedenen Zeitpunkten wurden gepaarte T-Tests verwendet. Zum Vergleich der Standardabweichungen wurde ein F-Test verwendet. Außerdem erfolgte hierzu eine ZNormierung (Ausgangswerte als 1,0 sowie Darstellung der anderen Werte als relative Änderung: Wert geteilt durch Ausgangswert). Ein p-Wert < 0,05 wurde als statistisch signifikant eingestuft.

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Abb. 2 Dargestellt sind die individuellen Verläufe aller Probanden in unterschiedlichen Grautönen, x-Achse: Uhrzeit; y-Achse: Tränenfilmaufrisszeit in Sekunden. Es wird insbesondere im Vergleich zu " Abb. 1) deutden Werten der Lipidschichtdicke (l lich, dass die Werte der Tränenfilmaufrisszeit im Tagesverlauf teilweise erheblich schwanken.

Ergebnisse !

Zur Analyse der tageszeitlichen Schwankungen wurden insgesamt 10 Probanden (20 Augen, 5 Männer, 5 Frauen, mittleres Alter 28 ± 1,7 Jahre) untersucht. Die durchschnittliche Lipidschichtdicke betrug um 8 h 60,3 ± 22,0 ICUs, um 12:30 h 50,9 ± 11,0 ICUs und um 17 h 54,0 ± 13,3 ICUs, wobei sich kein signifikanter Unterschied zeigte (p jeweils > 0,05). Auch bei der Tränenfilmaufrisszeit fand sich im Tagesverlauf kein signifikanter Unterschied zwischen den gemessenen Zeitpunkten (8 h: 12,2 ± 8,0 s; 12:30 h: 12,9 ± 8,7 s; 17 h: 11,8 ± 8,7 s; p jeweils > 0,05). Die Schwankung der Messwerte war aber bei der Tränenfilmaufrisszeit signifikant größer (F-Test, p < 0,0001) was zum einen am " Abb. 1 und Abb. 2) und zum anVerlauf der einzelnen Werte (l

deren nach Z-Normierung der Werte ersichtlich wird " Abb. 3). Die Werte der Lipidschichtdicke und der Tränenfilm(l aufrisszeit um 8 h wurden zudem miteinander korreliert. Es fand sich eine lineare Korrelation mit Korrelationskoeffizienten von r = 0,30, die allerdings nicht das geforderte Signifikanzniveau erreichte (p = 0,0996). Zur Analyse der Schwankungen von Tag zu Tag wurden insgesamt 10 Probanden (20 Augen) untersucht. Es erschienen alle Probanden zu den Verlaufsuntersuchungen, sodass die volle Anzahl in die Auswertung eingehen konnte (5 Männer, 5 Frauen, mittleres Alter 30 ± 3 Jahre). Der durchschnittliche Punktwert des OSDI lag in diesem Kollektiv bei 10,1 ± 6,4, die Zahl der exprimierbaren Meibom-Drüsen betrug im Mittel 4,5 ± 2,3. Die durchschnittliche Lipidschichtdicke betrug am Ausgangstag 47,4 ± 15,1

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Abb. 1 Dargestellt sind die individuellen Verläufe aller Probanden in unterschiedlichen Grautönen, x-Achse: Uhrzeit; y-Achse: Lipidschichtdicke in ICUs. Es zeigt sich bei den meisten Probanden ein relativ konstanter Wert der Lipidschichtdicke im Tagesverlauf.

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Abb. 3 Dargestellt ist die mittlere Änderung im Vergleich zum Ausgangswert (8 h) im Tagesverlauf. Deutlich zu erkennen ist die geringere Standardabweichung der Lipidschichtdicke (dunkelgrau) im Vergleich zur Tränenfilmaufrisszeit (hellgrau). Der p-Wert bezieht sich auf den F-Test (Unterschied der Standardabweichung). x-Achse: Uhrzeit; y-Achse: rel. Änderung der Lipidschichtdicke und Tränenfilmaufrisszeit.

Abb. 4 Dargestellt sind die individuellen Verläufe aller Probanden in unterschiedlichen Grautönen, x-Achse: Zeit; y-Achse: Lipidschichtdicke in ICUs. Es zeigt sich bei den meisten Probanden ein relativ konstanter Wert der Lipidschichtdicke im Tagesvergleich.

ICUs und zeigte im Verlauf über die weiteren Untersuchungen keine signifikante Änderung (nach 2 Wochen: 41,7 ± 11,1 ICUs; 17 h: 48,4 ± 17,1 ICUs; p jeweils > 0,05). Auch bei der Tränenfilmaufrisszeit fand sich im Verlauf über einen Monat keine signifikante Änderung (Ausgangstag 11,6 ± 6,9 s; 2 Wochen: 9,9 ± 7,3 s; 4 Wochen: 9,1 ± 6,0 s; p jeweils > 0,05). Die Schwankung der Messwerte war aber wiederum bei der Tränenfilmaufrisszeit signifikant größer (F-Test, p < 0,0001) was erneut am Verlauf der " Abb. 4 und 5) und nach Z-Normierung der einzelnen Werte (l " Abb. 6). Auch im Vergleich zu den anWerte ersichtlich wird (l deren Messwerten zeigte sich eine geringere oder zumindest " Tab. 1). Die vergleichbare normierte Standardabweichung (l

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Werte der Lipidschichtdicke und der Tränenfilmaufrisszeit am Ausgangstag korrelierten signifikant (r = 0,386, p = 0,0465). Die therapeutische Expression der Meibom-Drüsen wurde bei insgesamt 10 Probanden (20 Augen, 4 Männer, 6 Frauen, mittleres Alter 32 ± 8 Jahre) durchgeführt und verursachte einen signifikanten Anstieg der Lipidschichtdicke des Tränenfilms. Die Lipidschichtdicke stieg von 52,9 ± 14,6 ICUs vor Expression auf 80,5 ± 18,1 ICUs 15 Minuten nach Expression (p < 0,0001) an " Abb. 7). In l " Abb. 8 ist der deutliche Unterschied im Farbmus(l ter der Interferenz vor und nach Massage zu erkennen.

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Abb. 6 Dargestellt ist die mittlere, relative Änderung im Vergleich zum Ausgangswert im Verlauf über 4 Wochen. Deutlich zu erkennen ist die geringere Standardabweichung der Lipidschichtdicke (dunkelgrau) im Vergleich zur Tränenfilmaufrisszeit (hellgrau). Der p-Wert bezieht sich auf den F-Test (Unterschied der Standardabweichung). x-Achse: Zeit; y-Achse: rel. Änderung der Lipidschichtdicke und Tränenfilmaufrisszeit.

Tab. 1 Normierte Standardabweichungen der untersuchten Verfahren im Verlauf über einen Monat. Dargestellt sind die Z-normierten Standardabweichungen der verschiedenen Verfahren bezogen auf den Ausgangswert (Tag 0). Der F-Test bezieht sich auf den Unterschied der Z-normierten Standardabweichung im Vergleich zur Lipidschichtdicke. 2 Wochen Lipidschichtdicke Tränenfilmaufrisszeit Tränenmeniskus Meibomdrüsenexpr. OSDI

0,25 0,85 0,54 0,61 0,53

F-Test < 0,00001 0,00118 0,00025 0,01011

4 Wochen

F-Test

0,46 1,04 0,41 0,56 0,80

0,00076 0,67234 0,37859 0,01730

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Abb. 5 Dargestellt sind die individuellen Verläufe aller Probanden in unterschiedlichen Grautönen, x-Achse: Zeit; y-Achse: Tränenfilmaufrisszeit in Sekunden. Es wird insbesondere im Vergleich zu den " Abb. 4) deutlich, Werten der Lipidschichtdicke (l dass die Werte der Tränenfilmaufrisszeit von Tag zu Tag teilweise erheblich schwanken.

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Abb. 7 Dargestellt ist der Mittelwert ± Standardfehler der Lipidschichtdicke vor und 15 min nach therapeutischer Expression der Meibom-Drüsen. Der p-Wert bezieht sich auf einen 2-seitigen, gepaarten T-Test.

Abb. 8 Dargestellt ist das Interferenzmuster eines Probanden vor (a1/2) und 15 Minuten nach therapeutischer Expression der Meibom-Drüsen (b1/2). Deutlich zu erkennen ist der Unterschied im Farbmuster gräulich (a1/2) und orange bis blau (b1/2).

Diskussion !

Die Lipidschichtdickenmessung des Tränenfilms mit dem Lipiview®-Interferometer ist eine relativ neue Methode und es existieren bislang keine Daten zu möglichen Schwankungen im Tagesverlauf und anderen Einflussfaktoren auf diese Messgröße. Als einen möglichen Einflussfaktor konnte diese Studie eine Massage der Lider identifizieren. Es fand sich ein signifikanter Anstieg der Lipidschichtdicke nach therapeutischer Expression der Meibom-Drüsen. Craig et al. konnte bereits für die semiquantitative Messung der Lipidschichtdicke mit dem Tearscope® eine Zunahme nach Expression der Meibom-Drüsen zeigen [13]. Diese Daten konnten durch die quantitative Messung mit dem Lipiview®-Interferometer bestätigt werden. Der Patient sollte daher angewiesen werden, vor der Messung nicht an den Augen zu rei-

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ben. Generell sollte versucht werden, jegliche Manipulation an den Lidern vor der Untersuchung auf ein Minimum zu reduzieren. Hierunter fallen natürlich auch anderen Untersuchungen wie z. B. die Meibografie, bei der ein Ektropionieren der Lider erforderlich ist, oder die Untersuchung an der Spaltlampe mit diagnostischer Expression. Wir empfehlen daher, die Interferometrie immer als erste Untersuchung durchzuführen, um den Einfluss dieses Faktors zu minimieren. Diese Ergebnisse bestätigen auf der anderen Seite den therapeutischen Nutzen einer Lidkantenmassage. Für die Zukunft ergäbe sich somit auch die Möglichkeit einer Therapiekontrolle mit dem Lipiview®-Interferometer. Zum Beispiel könnte bei Patienten mit erniedrigter Lipidschichtdicke die Wirksamkeit bzw. richtige Durchführung einer therapeutischen Lidmassage direkt kontrolliert werden. Es entstünde ein neues Kontrollinstrument, mit

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dem Augenärzte die suffiziente Durchführung der Lidkantenpflege überprüfen und so die Compliance verbessern könnten. Weitere Einflussfaktoren auf die Messung der Lipidschichtdicke mit dem Lipiview®-Interferometer sind sehr wahrscheinlich die Applikation von lipidhaltigen Tropfen oder Salben. Scaffidi et al. und Korb et al. konnten dies ebenfalls schon für die semiquantitative Messung der Lipidschichtdicke nachweisen [14, 15]. Unabhängig davon ist die Erhöhung der Lipidschichtdicke die logische Konsequenz der Applikation von lipidhaltigen Substanzen. Daher sollte die Anwendung von fetthaltigen Tränenersatzmitteln vor der Messung nach Möglichkeit vermieden werden. Soweit uns bekannt wurde bislang nicht untersucht, ob tageszeitliche Schwankungen einen Einfluss auf die Lipidschichtdickenmessung egal mit welcher Methode haben. Des Weiteren zeigen die Daten dieser Studie, dass keine signifikanten tageszeitlichen Schwankungen der Lipidschichtdicke zu bestehen scheinen. Vergleicht man die Schwankungen im Tagesverlauf mit dem üblichen Standardtest zur Diagnose eines evaporativ trockenen Auges nämlich der Tränenfilmaufrisszeit, fand sich darüber hinaus eine signifikant geringere Schwankung der Lipidschichtdicke im Tagesverlauf. Die gleiche Beobachtung wurde bei Untersuchung der Schwankungen im Verlauf über einen Monat gemacht. Auch hier fand sich eine geringere Schwankung der Lipidschichtdicke gemessen mit dem Lipiview®-Interferometer als bei der Tränenfilmaufrisszeit. Im Vergleich zu anderen Untersuchungsparametern des trockenen Auges wie der Tränenmeniskushöhe oder der diagnostischen Expression sowie im Vergleich mit der Quantifizierung der subjektiven Symptome mittels Fragebogen ergab sich eine zumindest vergleichbare Schwankung. Das Studienkollektiv bestand hauptsächlich aus Ärzten sowie Medizinstudenten der Universitätsaugenklinik Düsseldorf ohne bekanntes Sicca-Syndrom. Hierbei wurde davon ausgegangen, dass es sich um gesunde Probanden handelte. Schließlich wendete keiner der Probanden irgendeine Form von Tränenersatzmittel an. Dennoch fand sich eine durchschnittliche Lipidschichtdicke von unter 61 ICUs in allen untersuchten Kollektiven. Wie in einer früheren Untersuchung unserer Arbeitsgruppe gezeigt werden konnte, sprechen diese Werte für das Vorhandensein einer MDD [11]. Andere Studien konnten zeigen, dass bei diesen Werten die Wahrscheinlichkeit steigt, an Symptomen eines trockenen Auges zu leiden [12]. Auch in der vorliegenden Studie zeigte sich ein durchschnittlicher OSDI-Wert von 10,1. Bei den Probanden lagen also zumindest teilweise auch Symptome eines trockenen Auges vor. Außerdem fanden sich bei den Probanden im Mittel 4,5 exprimierbare Meibom-Drüsen des Unterlids. Dies spricht nach den Daten von Korb et al. auch tendenziell für das Vorhandensein einer MDD bei einigen der Probanden [16]. Insgesamt steigert die durchschnittlich niedrige Lipidschichtdicke in diesem Kollektiv aber eher die Relevanz der erhobenen Daten, da die Kenntnis der Schwankungsbreite bei pathologischen Werten sicherlich in der Praxis wertvoller ist. Dennoch muss festgehalten werten, dass diese Daten letztlich nur die Schlussfolgerung zulassen, dass niedrige Lipidschichtwerte im Tagesverlauf sowie von Tag zu Tag konstant sind. Ob dies auch für höhere Werte zutrifft, kann anhand unserer Daten nicht eindeutig beurteilt werden. Ein weiteres wichtiges Ergebnis dieser Untersuchung ist die positive Korrelation zwischen der Tränenfilmaufrisszeit und der Lipidschichtdicke. Dies unterstreicht den Nutzen der Messung der Lipidschichtdicke als objektiven Parameter und ist im Einklang mit den bisherigen Ergebnissen anderer Arbeitsgruppen. So fanden Isreb et al. eine signifikante Korrelation zwischen BUT und Lipidschichtdicke mit einem Korrelationskoeffizienten von r = 0,75

[17]. Auch Eom et al. fanden eine signifikante Korrelation mit einem Koeffizienten von r = 0,415 bei Patienten mit bekannter MDD, allerdings zeigte sich keine Korrelation bei gesunden Kontrollprobanden [18]. In einer größeren Querschnittsstudie konnte unsere Arbeitsgruppe diese Ergebnisse bestätigen. Es zeigte sich ebenfalls eine Korrelation der BUT mit der Lipidschichtdicke, allerdings nur in einem Subkollektiv bei Patienten mit MDD und Lipidschichtdicke unter 60 ICUs [11]. Dies wird erneut durch die Ergebnisse der vorliegenden Arbeit gestützt, da der durchschnittliche Wert der Lipidschichtdicke in unseren Kollektiven ebenfalls unter 60 ICUs lag. Insgesamt scheint also ein Zusammenhang zwischen Lipidschichtdicke und Tränenfilmaufrisszeit eher bei niedrigeren Lipidschichtdicken vorhanden zu sein. Zusammenfassend zeigen die Ergebnisse dieser Studie, dass die Lipidschichtdicke gemessen mit dem Lipiview®-Interferometer ein im Zeitverlauf relativ gut reproduzierbarer Parameter zu sein scheint. Außerdem konnte die Expression der Meibom-Drüsen als möglicher Einflussfaktor identifiziert werden. Für die Zukunft sind weitere Studien erforderlich, die andere Einflussfaktoren, wie die Applikation von lipidhaltigen Tropfen, aber v. a. auch die Durchführung anderer diagnostischer Tests vor der Lipidschichtdickenmessung untersuchen. Auch sollten die Messschwankungen bei Patienten mit höheren Ausgangswerten genauer betrachtet werden.

Interessenkonflikt !

David Finis, Stefan Schrader und Gerd Geerling haben Vortragshonorare der Firma TearScience erhalten. Ansonsten bestehen keinerlei potenzielle Interessenkonflikte.

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[Factors influencing the measurement of tear film lipid layer thickness with interferometry].

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